Coronavirus in Deutschland: Diese seelische Folgen kann die Pandemie haben | Kassel

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Coronavirus in Deutschland: Die Pandemie kann seelische Folgen haben. Wir sprachen mit einer Expertin darüber.Das Coronavirus verändert den Alltag von jedem Menschen. Das kann seelische Folgen haben. Wir sprachen darüber mit der Kasseler Psychologie-Professorin Dr. Heidi Möller.Ist die Coronakrise auch ein Ausnahmezustand für die Seele?Man muss zwischen den kurzfristigen und den langfristigen Folgen unterscheiden. Erst…

Coronavirus in Deutschland: Die Pandemie kann seelische Folgen haben. Wir sprachen mit einer Expertin darüber.

  • Das Coronavirus verändert den Alltag von jedem Menschen.
  • Das kann seelische Folgen haben.
  • Wir sprachen darüber mit der Kasseler Psychologie-Professorin Dr. Heidi Möller.

Ist die Coronakrise auch ein Ausnahmezustand für die Seele?

Man muss zwischen den kurzfristigen und den langfristigen Folgen unterscheiden. Erst mal hat das ja auch was: Seit Samstag kommt es mir ein bisschen vor wie Weihnachten. Alles ist entschleunigt, kaum Autos auf den Straßen, kaum noch Termine, man zieht sich nach Hause zurück. Der Unterschied ist natürlich, dass die Geselligkeit der Feiertage fehlt. 

Wenn die erste Enttäuschung über alles, was gerade nicht geht, verdaut ist, kann man versuchen, die Situation für sich positiv umzudeuten. Man kann es sich bewusst heimelig machen und sich schöne Dinge für Daheim ausdenken: raffiniert kochen, mit Menschen telefonieren, die man lange nicht kontaktiert hat und und und.

Aber wird das mit der Zeit nicht kippen? Zumal wir ja nicht genau wissen, wie lange die Einschränkungen dauern.

Längerfristig wird es in der Tat schwieriger. Eine Zeit lang kann man auf seine Sozialkontakte, aufs Ausgehen, Kulturveranstaltungen oder Sportevents verzichten. Aber nach einer Weile wird all das als Ausgleich fehlen. Wo schon Konflikte sind, werden sie durch so eine Situation dann häufig verstärkt. 

Es gibt Zahlen aus China, dass die häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern sich während der Coronakrise verdoppelt hat. Man ist jetzt mit seinem Partner oder seiner Familie allein und hat kaum Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Auch für alleinlebende Menschen ist die Situation hart.

Was kann man tun, um durchzuhalten?

Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, wozu all die Einschränkungen dienen. Der Zweck ist, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und besonders gefährdete Menschen zu schützen. Da ist eine solidarische Haltung gefordert. Wir müssen uns klar machen, dass es jetzt auch um Disziplin geht. Die Vernunft muss momentan über die Lust herrschen.

Viele Menschen sind verunsichert. Wird durch die drastischen staatlichen Eingriffe auch die Angst größer?

Nein, im Gegenteil. Die Klarheit der Behörden und Ministerin gibt vor allem Sicherheit. Die Menschen merken, dass Vorsorge getroffen wird. Das ist sinnvoll für die Angstbindung. Viel schwieriger wäre es, wenn wir in dieser Situation mit persönlichen Entscheidungen allein gelassen wären: Wer zwei Wochen hin und her überlegt hat, ob er Ostern nach Italien fährt, dem ist durch die klaren Vorgaben auch eine Last genommen.

Dennoch sind einige Menschen fast schon panisch. Das hat sich nicht zuletzt in extremen Hamsterkäufen gezeigt.

Dass die Menschen in solch einer Situation mehr oder weniger ängstlich sind, hat vor allem mit der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur zu tun. Nicht alle verfügen über Bewältigungsstrategien, um Probleme oder Risiken auf gesunde Weise abzuwehren. Deshalb sind die Menschen gerade unterschiedlich stark besorgt. Ein wenig Angst brauchen wir auch, damit wir uns rücksichtsvoll verhalten und die Vorsichtsmaßnahmen befolgen.

In einigen Supermärkten werden bestimmte Lebensmittel nur noch rationiert abgegeben. Warum fällt es einigen Menschen so schwer, sich sozial zu verhalten?

Diese Menschen empfinden Existenzangst. Die Sorge treibt sie an, in der Krise nicht überleben zu können. Es handelt sich um irrationale Gedanken, denn die Lebensmittelversorgung ist sichergestellt. Schade, wenn Egoismus über Solidarität herrscht.

Kinder gehen nicht mehr in Kita und Schule. Es gibt kaum etwas zu unternehmen. Wie können Familien Spannungen vorbeugen?

Da ist jetzt Kreativität gefragt. Es gibt bei Kindern einen natürlichen Bewegungsdrang und das Bedürfnis nach Kontakt, und beides wird massiv eingeschränkt. Das führt nicht zu guter Laune. Solange Virologen nichts anderes sagen, rate ich als Psychologin dazu, in die Natur zu gehen. Die Kinder sollen draußen spielen, aber eben in der Aue oder im Wald, nicht auf einem Spielplatz, wo sich viele Menschen gleichzeitig aufhalten. 

Drinnen gilt es, Dinge zu finden, die Kindern Freude machen: Kuchen backen, einen Parcours durch die Wohnung bauen, eine Kissenschlacht machen. Es gibt viele tolle Gesellschaftsspiele. Und man kann auch zuhause ein Sportprogramm absolvieren.

Ist nicht eher wahrscheinlich, dass viele Kinder in den nächsten Wochen vor dem Bildschirm oder der Spielkonsole geparkt werden?

Das wird in vielen Familien sicher so sein – mangels tatsächlicher Alternativen und eigener Möglichkeiten. Für eine begrenzte Zeit wird das die seelische Gesundheit der Kinder auch nicht gefährden. Es ist eine Ausnahmesituation.

Alte Menschen sind als Risikogruppe weitgehend isoliert. Aber ist Einsamkeit nicht auch ein Gesundheitsrisiko?

Auf jeden Fall. Aber Einsamkeit ist ein langfristig schädlicher Gesundheitsfaktor. Es geht ja um eine vorübergehende Isolation. Es ist etwas anderes, ob es wirklichen niemanden gibt, der sich um mich kümmert oder ob ich weiß, dass Kinder und Enkel mich wegen der Gefahr desCoronavirus nicht besuchen kommen können. Man kann über Telefon oder andere Medien Kontakt halten. Alte Menschen können so erleben: Ich bin allein, aber nicht einsam.

Wie gehen sie persönlich mit der Situation um?

Ich musste meinen Urlaub canceln. Auch meinen 60. Geburtstag werde ich wohl zu zweit mit meinem Mann feiern. Das ist zwar schade, aber in größerer Gesellschaft ausgelassen Spaß haben könnte man in so einer Situation wohl kaum, in der man das Gefühl hat, es ist etwas Asoziales, wenn man sich in großer Runde trifft. Bei aller Enttäuschung versuche ich, das Gute im Schlechten zu finden. 

Ich zelebriere den Alltag, erlaube mir, Serien zu streamen, koche jeden Tag und habe mir vorgenommen, in den Ferien den Kassel-Steig zu wandern statt in Italien zu sein. Außerdem bin ich dabei, meine Lehrveranstaltungen an der Uni auf E-Learning umzustellen. Corona fordert uns auch heraus, unsere digitalen Kompetenzen zu erweitern. Das ist doch sogar nützlich.

Von Katja Rudolph

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