Corona: Kekulé erklärt Anne Will den Effekt einer unentdeckten Infektion

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Die Corona-Epidemie nimmt Deutschland nach und nach in Beschlag: In vielen Regionen bleiben Kneipen, Restaurants und Klubs geschlossen, ab Montag ebenso Schulen und Kindergärten. Von den zahlreichen Veranstaltungen, die im Laufe der letzten Tage abgesagt wurden, mal ganz zu schweigen. Gleichzeitig wird der Grenzverkehr, besonders im Süden der Bundesrepublik, stark eingeschränkt. Hat man sich in…

Die Corona-Epidemie nimmt Deutschland nach und nach in Beschlag: In vielen Regionen bleiben Kneipen, Restaurants und Klubs geschlossen, ab Montag ebenso Schulen und Kindergärten. Von den zahlreichen Veranstaltungen, die im Laufe der letzten Tage abgesagt wurden, mal ganz zu schweigen. Gleichzeitig wird der Grenzverkehr, besonders im Süden der Bundesrepublik, stark eingeschränkt.

Hat man sich in Deutschland vor rund zwei Wochen noch relativ unbesorgt gegeben, so hat die Bundesregierung mittlerweile in puncto Covid-19 einen anderen Kurs eingeschlagen. Doch auch wenn die Bundeskanzlerin per Videobotschaft für die Vermeidung von Sozialkontakten warb, konnte man am Wochenende beobachten, dass die Botschaft bei vielen, die zu Privatpartys und Kindergeburtstagen einluden oder öffentlichen Veranstaltungen beiwohnten, nicht angekommen ist.

Es hilft also nichts – die öffentlich-rechtlichen Sender müssen nicht nur in den Nachrichtenmagazinen möglichst viel und häufig über das Coronavirus informieren, sondern es auch weiter auf die Agenda der Talkshows setzen, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

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03.03.2020, Großbritannien, London: Ein Mann trägt in der Jubilee-Linie der Londoner U-Bahn einen Mundschutz. Foto: Kirsty O'connor/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ |

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) diskutieren darum bei Anne Will mit der Journalistin Cerstin Gammelin, der Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, Angela Inselkammer, und Claudia Spies, der Leiterin des Charité-Zentrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin.

Heraus sticht aber mal wieder ein Mediziner, der neben Christian Drosten von der Charité Berlin aktuell wohl der gefragteste Experte ist, wenn es um das Coronavirus geht. Alexander Kekulé beriet schließlich die Bundesregierung elf Jahre lang in der Seuchenbekämpfung und erstellte einen der ersten Pandemiepläne Deutschlands.

Die zentrale Statistik des Abends

Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg macht seiner aktuellen Rolle als Wissenschaftler vom Dienst alle Ehre, indem er der Talkrunde blanke, ernüchternde Zahlen auftischt: „Ein an Corona erkranktes Kind, das acht Wochen nicht erkannt wird, steckt rund 3000 Menschen an. Davon müssen 200 bis 300 auf die Intensivstation, etwa 15 sterben.“

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Temperatur-Check

Das mag nach Panik klingen, ist aber gar nicht so unwahrscheinlich, wenn man zum Beispiel über die bisher bekannten Neuinfektionen in Deutschland durch Urlaubsrückkehrer aus dem österreichischen Skiort Ischgl nachdenkt. Insgesamt stieg die Zahl der Covid-19-Infizierten im Land am Wochenende sprunghaft um 1000 an. Und eine Frage drängt sich immer mehr auf: Kann man die Verbreitung des Virus überhaupt noch verlangsamen?

Der Vorwurf des Abends

Schließlich ist dies das erklärte Ziel, um eine Überlastung der Krankenhäuser wie in Italien zu vermeiden. Dabei geht es nicht darum, dass sich per se weniger Menschen infizieren werden, sondern dass der Zeitraum, in dem die Infektionen auftreten, ausgedehnt wird. Mit dieser „Verflachung der Kurve“ könnte man die Situation in den Griff kriegen, glauben viele Wissenschaftler.

Doch auch wenn der Hashtag „#BleibtZuhause“ in Deutschland bei Twitter viral geht – Alexander Kekulé glaubt, dass es schon zu spät sein könnte: „Wir haben sehr spät angefangen zu testen. Und die Entscheidung, die Schulen zu schließen, kam viel zu spät, nämlich als alle schon aus dem Urlaub zurück waren und wieder in den Klassen saßen“, meint der Virologe.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Laschet hält dagegen, dass die Politik eben so schnell reagiert habe, wie es ihr die Wissenschaft geraten habe, und schiebt die Schuld auf andere: „Die Experten des Robert-Koch-Instituts und der Berliner Charité haben uns noch am Donnerstag eben nicht geraten, die Schulen zu schließen.“ Vielleicht nicht der beste Rat: „Alle haben geschlafen“, so Kekulé, „und jetzt sind wir in der Phase, wo wir nur noch die Krankenhäuser vorbereiten können.“

Das Zitat zum Aufatmen

Das bedeute aber längst nicht, dass alle in ihrer Wohnung ausharren müssen, so der Virologe: „Aus Sicht der Epidemiologie gibt es dafür, dass man nicht mehr raus darf an die frische Luft, kein Argument“, erklärt Kekulé. Er hält Ausgangssperren für kontraproduktiv und falsch – solange man zwei Meter Abstand zu anderen Menschen hält. An der frischen Luft stecke man sich eh nicht so leicht an wie in geschlossenen Räumen.

Wenn man wirklich konsequent gegen die Epidemie vorgehen wollte, müsste man neben diesem Abstandhalten drastische Maßnahmen ergreifen, glaubt der Mediziner: „Es ist ein Experiment, von dem wir aber glauben, dass es was bringen kann. Das Experiment wäre, zwei bis drei Wochen, also über die Dauer der Inkubationszeit, alles in Deutschland stillzulegen. Damit kann man vielleicht verhindern, dass die Fallzahlen weiter exponentiell ansteigen“, so Kekulé. Er fordert einen „fast totalen Shutdown“ des Landes, ohne Ausgangssperre.

Die Ankündigung des Abends

Während der Effekt vieler Maßnahmen, die in den letzten Tagen beschlossen wurden, laut Claudia Spies erst in ein bis zwei Wochen beurteilt werden kann, muss sich Deutschland neben neuen Infektionen auch auf wirtschaftliche Einschnitte gefasst machen. Darauf macht Angela Inselkammer vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband aufmerksam: „Wir sind nicht sicher, ob die Hälfte unserer Betriebe nach dieser Krise noch existiert.“ Und in ihrer Branche arbeiteten immerhin 2,5 Millionen Beschäftigte.“

Bundesfinanzminister Scholz arbeitet laut eigener Aussage allerdings schon an einem Lösungsvorschlag: Die Betriebe, die jetzt monatelang Miet- oder andere laufende Ausgaben bezahlen müssten, ohne Einnahmen zu erzielen, könnten eine Förderung des Staates erhalten. Etwas umständlich formuliert der Vizekanzler, dass der Staat über die Kreditanstalt für Wiederaufbau einen Fonds anlegen könne, der die Verluste kleinerer Unternehmen abfedern könnte.

Was sagt das Netz?

Da das Publikum diesmal nicht im Studio sitzt, müssen die Reaktionen im Netz als Applaus oder Raunen genügen. Zwei Dinge beschäftigen die Zuschauer in den sozialen Netzwerken besonders: ein trockenes Husten und der Sitzabstand der Gäste. Letzterer entspricht auf jeden Fall nicht den zwei Metern, von denen Kekulé spricht. Claudia Spies, Leiterin des Charité-Zentrums für Intensivmedizin, betont deshalb in der Sendung auch noch mal, dass das eigentlich „wirklich wichtig“ sei, die Moderatorin lacht etwas peinlich berührt. In der österreichischen Talksendung „Im Zentrum“ saßen die Gäste zur selben Zeit immerhin eineinhalb Meter auseinander.

Irritiert zeigt sich das Publikum auch über ein trockenes Husten, das einem Gast der Runde immer wieder entfährt, während die Kamera ihn oder sie nicht anvisiert. Ein gehobener Ellbogen zum sicheren Reinhüsteln ist jedenfalls auch nicht zu sehen – an der Vorbildfunktion der Sendung sollte also noch ein wenig gearbeitet werden.

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